Ausschnitte aus der Einführung der Ausstellung „Cocon“ im Kreismuseum Heinsberg von Prof. Dr. Wolfgang Becker, Aachen

 

Professor Dr. Wolfgang Becker war

Konservator der Sammlung Ludwig 1969-2001
Gründungsdirektor der Neuen Galerie-Sammlung Ludwig
in Aachen 1970-1990
Gründungsdirektor des Ludwig Forums für Internationale Kunst 1991-2001 in Aachen
Seit 2002 freischaffend in Aachen

 

 

„Cocon – Cocoon

Zu den neuen Werken von Eugenie Degenaar“

 

 

Nach dem zweiten Weltkrieg entwickelte sich überall in Europa eine neue abstrakte Kunst. Eugenie Degenaar gehörte zu denen, die transparente Skulpturen aus Draht aufbauten. Sie sahen aus wie Modelle zu utopischen Gebäuden, Gerüste, die verglast werden könnten. Aber dann, etwa vor drei Jahren, legte sie in eines dieser Gerüste einen Cocon, und es entstand eine große Werkgruppe, die bis heute nicht beendet ist.

 

In der anglophonen Kultur ist das Wort COCOON sehr verbreitet - bis nach Japan: der Pokemon Kakuna heißt dort Cocoon. Der Cocoon erscheint in Popsongs und Science Fiction Filmen – eine schützende Hülle für Astronauten.

 

Der Cocon ist die Hülle für ein Insekt, das vier Lebensstadien durchläuft (in jedem Stadium nimmt es eine andere Gestalt an): Embryo, Larve, Cocon, Imago. Diese Imago, das endliche Tier, bildet sich aus der Cocon, es wartet – zwei Wochen, einen Winter, eine Regenzeit - , dann schlüpft es aus – Schmetterlinge.Ihre Reste bleiben im Cocon zurück . Der Vorgang hat immer fasziniert und als Metapher gedient: der Mensch als Larve – Cocon –Schmetterling.

  

Die „Verpuppung“ findet buchstäblich statt, wenn ein Mensch in ein Krankenhaus gerät, um von einer schweren Krankheit befreit zu werden. Der alte rumänische Maler Horia Damian hat es mir ebenso verraten wie Eugenie Degenaar.

 

Eugenie Degenaars Rückgrat wurde in einem Unfall zertrümmert, sie musste mehrfach operiert werden und hielt sich lange in Krankenhäusern auf. Sie empfand, dass ihr Körper, den sein Rückgrat nicht tragen konnte, einer stützenden Hülle bedurfte, sie  w a r  eine rückgratlose Raupe, sie  w u r d e  mit einem „Cocon“ umwickelt. Sie „erfand“ den Cocon als Motiv ihrer Arbeit als Künstlerin, sie zeichnete und malte ihn, sie wickelte Folien zu Cocons verschiedener Größen und legte sie in Schalen, in Gestelle und Gerüste. Und sie wurde gesund, sie bewegte sich, ihr Rückgrat trug sie wieder.

 

Seitdem sind Hunderte von „Cocons“ entstanden, Zeichnungen, Collagen, Gemälde, Skulpturen –und weil manche der Skulpturen wie Modelle aussehen, könnte eines Tages ein monumentaler „Cocon“ in einem Gerüst aus Stahlrohren auf einem freien Platz stehen. Wie Horia Damian ist Eugenie Degenaar ein „Schmetterling“, sie ist geschlüpft. Als Künstlerin hat sie in dieser Befreiung einen starken kreativen Schub erhalten, in dem es ihr gelungen ist, das Thema einer Arbeit zu finden, das unverwechselbar ist – IHR Thema.

 

Wolfgang Becker

 

Aachen 17.02.2008

 

 

Weitere Gedanken und Zitate von Prof. Dr. W. Becker zum Werk von Eugénie Degenaar:

 

  • „(…) Ich habe in der kunsthistorischen Literatur nachgeschlagen und ein ähnliches Motiv oder Thema bei einem/einer anderen Künstler/in gesucht. Ich habe keine vergleichbare Thematik oder Kunst mit einem Cocon gefunden.“ (Aus der Eröffnungsrede am 17.02.2008 im Kreismuseum Heinsberg)
  • „Ich denke: das Thema, das Motiv, der Cocon ist ein wichtiger Schlüssel (für die Kunst) unter dem Stichwort „Kunst und Natur.“ (Prof. Dr. W. Becker am 19.02.2008)